Bauen nach Katastrophen / Building After Catastrophes

Titel, Wann, Wo

BAUEN NACH KATASTROPHEN / BUILDING AFTER CATASTROPHES

2006 – 2009
Parma - Dezember 2007, Hamburg - August 2008, Stamsund - Juni 2009, Berlin - November 2009

Forschungsfrage/-thema

Gemeinsam mit Kindern betreiben Eva Meyer-Keller und Hanna Sybille Müller intuitive Katastrophenforschung. Mit einfachsten Mitteln werden Erdbeben, Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge, Lawinen, Großbrände, Terroranschläge, Explosionen, Überschwemmungen, Dürreperioden und Wirbelstürme modellhaft nachgebaut. Dabei stellen die zum Einsatz kommenden Gegenstände und Materialien wie Streichhölzer, Zuckerstücke, Mehl, Pudding, Wasser, Föhn, Mixer, Zange oder Papier in ihrer harmlosen Alltäglichkeit eine starke Diskrepanz zu dem unvorstellbar und fundamental Schrecklichen der (Natur-)Katastrophen her. Auch die gewissenhafte, achtsam-konstruktive Tätigkeit des Bastelns bricht sich mit der Gewalt und Zerstörungskraft der realen Vorbilder. Wir tauchen ein in das Unvorhergesehene, das sich auftut, wenn sich die gewohnte Mediatisierung von Katastrophen durch die bewusste Kombination von Ernstem und Unernstem umstülpt.

Initiierende / Projektleitung

Eva Meyer-Keller und Hanna Sybille Müller

Beteiligte Institutionen/Kontext und Anbindung

Natura dèi Teatri, Parma, Italien
Internationales Sommerfestival, Kampnagel, Hamburg, Deutschland
Stamsund Teaterfestival, Lofoten, Norwegen
Hebbel am Ufer, Berlin, Deutschland

Stop Teaching! Neue Theaterformen mit Kindern und Jugendlichen, Symposium Hessische Theaterakademie, Frankfurt
Burning Ice Festival, Brüssel

Mitforschende

5-7 Kinder zwischen 10 – 12 Jahren, in wechselnden Besetzungen

Außerdem: Lucas Fester, Dirk Notz, Rhonda Repotente, Katja Rothe, Sharon Smith, Sophie Watzlawick, Mehdi Toutain Lopez, Bruno Pocheron

Forschungsverfahren & Mittel

BAUEN NACH KATASTROPHEN ist eine Performance mit Kindern für Erwachsene, in der gemeinsam mit den Kindern intuitive Katastrophenforschung betrieben wird. Im Basteln sind Kinder Spezialist*innen. Zu Beginn des Workshops, in dem die Performance gemeinsam erarbeitet wird, machen sie sich sinnlich mit einem von uns bereitgestellten und nach Konsistenzen kategorisierten Materiallager vertraut. Daraufhin entwerfen sie ihr eigenes Katastrophenszenario.
Im Laufe des Workshops erproben sie das „Making of“ von Naturkatastrophen und Unfällen, indem sie in Modellen das Eintreten der Katastrophe erzeugen. Ihr Ansatz ist nicht konzeptionell, sondern entspringt einer natürlichen Entdeckungs- und Experimentierfreude die daraus entsteht, das „Andere“, also das Außergewöhnliche, das Extraordinäre, mit normalen Dingen darzustellen, z.B. mit Haushaltsgegenständen, die wir jeden Tag benutzen.

Die Kinder müssen ihren Modellaufbau kleinteilig planen, denn in der Performance am Ende des Workshops kann das Publikum die Katastrophen detailgenau mitverfolgen: Die Inszenierung des kollektiven Bauprozesses und das letztendliche Auslösen der Katastrophen finden für das ‚Auge‘ einer Videokamera statt, deren Aufzeichnungen im close up live auf Monitoren übertragen wird. Der performative Vorgang des Erzeugens ist somit immer gleichzeitig mit den medialen Visualisierungen des Geschehens im Moment der Aufführung sichtbar.

Im Laufe des Projekts haben wir mit verschiedenen Kindern in Parma (Italien), Hamburg (Deutschland), Stamsund (Norwegen) und Berlin (D) zusammengearbeitet. Dabei hat sich der Arbeitsprozess bei jeder Wiederholung des Workshops weiterentwickelt. Mit der Gruppe in Berlin fingen wir an, mit Texten zu arbeiten, die durch Gespräche mit den Kindern während der Proben entstanden, aufgenommen und transkribiert wurden. Aus den Beiträgen der Kinder wurden dann Texte entwickelt, die sie in der Vorstellung vortrugen. Dabei hörten sie über Kopfhörer den aufgenommenen Text und sprachen ihn in ein Mikrophon.

Präsentationsformate/Dokumentationsformen

Performance von Kindern für ein erwachsenes Publikum + Film-Dokumentation der Performance in Berlin

Vorträge:
Burning Ice Festival, Brüssel, 24. Januar 2009 
Stop Teaching! Neue Theaterformen mit Kindern und Jugendlichen, Symposium der Hessischen Theaterakademie, Frankfurt im September 2008.

Prozessorganisation/Dauer

Zwei bis zweieinhalb Wochen Workshop, in denen gemeinsam die Performance erarbeitet wurde

Forschungsergebnisse

Der Gegensatz von Katastrophen und Kindern ist eigentlich ein Tabu und produziert eine Spannung, die uns künstlerisch interessiert hat: fröhliche, spielende, Kinder, die voller Energie stecken, setzen sich mit der Zerstörung ihrer eigenen (schwarzen) Zukunft auseinander. Das will man nicht zusammen sehen, ist aber eine Realität. Zwischen Katastrophen und Kindern, oder Katastrophen und Alltäglichkeit tut sich ein Feld auf, in dem durch die Unangemessenheit der Mittel angesichts der Katastrophen Sachen passieren können: Also Kartoffelbrei, mit dem ein Erdrutsch dargestellt wird. 
Auf diese Weise erlauben wir uns, Dinge zu tun, die nicht ganz richtig oder sogar falsch sind. In dem Begriff „intuitive Katastrophenforschung“ steckt ja die Gegenüberstellung von Intuition (gefühlsmäßiges Vorgehen) und Forschung (systematisches Vorgehen). Dieser Begriff von Hans Joachim Schellnhuber (dem Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK)) ist für uns wichtig, weil sich die Künste mit Hilfe von Narration, Emotion und Intuition mit dem Thema Klimawandel auseinandersetzen müssen, wenn der „faktische Zeigefinger“ der Wissenschaft nicht funktioniert.

Die beteiligten Schüler*innen sind ganz froh darüber, nicht noch einmal mit Fakten traktiert zu werden wie in der Schule, sondern empfinden als Befreiung, bei uns anders darüber nachdenken zu können. Sie wissen um die katastrophalen Folgen des Klimawandels, aber können sich im Workshop endlich mal von der eigenen Ohnmacht entledigen, sich der unabwendbaren Katastrophe ein Stück weit ermächtigen.

Dabei nehmen sie sich ihre eigene Zeit. Der Umgang mit der Katastrophe ist bei uns langsamer als in Filmen, schlichter, ohne „special effects“. So kann jedes Kind je nach eigenem Wissen und Vermögen damit umgehen. Denn was die Kinder nicht wissen oder nicht fassen können, setzen sie nicht um. So ist es eine aktive und konstruktive Art, sich mit der Katastrophe auseinander zu setzen. Sie lernen, sich das Thema auf sinnliche Art und Weise und vor allem über den Umweg der Materialien anzueignen. 
Dadurch werden ganz nebenbei und spielerisch grundlegende physikalische Kenntnisse vermittelt. Unser Hauptziel ist jedoch die Kinder für die Folgen des Klimawandels mit den immer häufiger auftretenden Naturkatastrophen und vor allem auch für den Umgang mit medialen Bildern im digitalen Zeitalter zu sensibilisieren. Die Kinder, gleichsam mit dem Publikum der Performance, kommen auf eine Spur, wie die Bebilderung von Katastrophen unsere eigene emotionale Involviertheit zur Verhandlung stellt: Gerade das Fehlerhafte, Spröde, Flache, Offene, die Kicherer und Stolperer haben in dieser Arbeit einen eigenen Reiz, weil sie die Idee der gelungenen Illusion der Bilder, einer geschlossenen (Bild-)Dramaturgie, gerade unterlaufen.

Referenzen & Sonstiges

Eva Meyer-Keller, Hanna Sybille Müller BAUEN NACH KATASTROPHEN, 2009

http://evamk.de/texts/bauen-nach-katastrophen

Eva Meyer-Keller, Sybille Müller ZERSTÖRUNGSPHANTASIEN MIT SAHNE. GEDANKEN ÜBER DIE ZUKUNFT, 2014

 http://evamk.de/texts/zerstorungsphantasien-mit-sahne-gedanken-uber-die-zukunft

Kristin Westphal THEATER/KUNST MIT KINDERN - AM BEISPIEL EINER PERFORMANCE MIT KINDERN VON EVA MEYER-KELLER UND SYBILLE MÜLLER, 2014 

http://evamk.de/texts/theater-slash-kunst-mit-kindern-am-beispiel-einer-performance-mit-kindern-von-eva-meyer-keller-und-sybille-muller

Pirkko Husemann GESPRÄCH MIT SYBILLE MÜLLER UND EVA MEYER-KELLER, 2014 

http://evamk.de/texts/gesprach-mit-sybille-muller-und-eva-meyer-keller

Kristin Westphal: FREMDERFAHRUNGEN IN BILDUNG UND THEATER/KUNST. AM BEISPIEL EINER PERFORMANCE MIT KINDERN VON EVA MEYER-KELLER UND SYBILLE MÜLLER, 2011 

http://evamk.de/texts/fremderfahrungen-in-bildung-und-theater-slash-kunst-am-beispiel-einer-performance-mit-kindern-von-eva-meyer-keller-und-sybille-muller